Gedanken zum Monat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,

ein altes, immer neues Thema: die Suche nach dem Schuldigen. Wer ist schuld daran, dass zu wenig Impfstoff da ist? Wer hat Schuld, dass die Pandemie so lange andauert? Sind es vielleicht die, die sich nicht an die Regeln gehalten haben? Wer ist überhaupt schuld, dass so ein gefährliches Virus entstehen konnte? Wer ist schuld am Klimawandel? An den Flüchtlingslagern und den vielen Ungerechtigkeiten unserer Erde?

Seit den letzten Monaten steht unsere Kirche am Pranger. Um es klar zu stellen: Wenn Menschen in der Kirche Gewalt erlitten haben, darf es nicht vertuscht werden. Das Leid der Opfer muss anerkannt werden. Und wir selbst müssen alles tun, (sexuelle) Gewalt zu verhindern. Aber ist das, was durch die Medien geht, aufbauende oder zerstörerische Kritik? Geht es wirklich so einfach, mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu sagen: Die da! Wer es tut, suggeriert, dass er/sie eine „weiße Weste“ hat. Mir selbst kommt manchmal der Gedanke, wenn ich mich über „die da oben“ ärgere: Wenn ich in dieser Verantwortung stünde: Würde ich es heute (mit dem Wissen von damals) wirklich besser machen?

Wer hatte Schuld am Tod Jesu? Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die ihn anklagen, dass die Art und Weise, wie er den Menschen Gott nahe brachte, falsch sei? Die „da oben“, die ihn hinrichten ließen? Der römische Statthalter, der Angst hatte, sein Gesicht zu verlieren? Judas? Die Jünger, die wegliefen? Die beeinflusste, schreiende Volksmenge?

Die Passionsgeschichten, die wir in der Karwoche lesen, geben gar keine klare Antwort auf die Frage nach dem Schuldigen. Sie machen deutlich, dass es vielfältige Formen von Schuld gibt: Lüge, Aufhetzen, Denunziation, körperliche und psychische Gewalt, aber auch Feigheit, Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit, Wegschauen, Schweigen… All das kennen wir. Und auch bei den großen Problemen, die auf der Menschheit lasten, kann sich keiner so einfach freisprechen und sagen: Ich habe damit nichts zu tun. Alle Menschen unserer Erde sind miteinander verbunden – im Guten wie im Bösen. Wenn es kein Ostern gäbe! Ostern heißt: Gott hat uns Menschen so, wie wir sind, ganz und gar angenommen. Aus der schlimmsten Katastrophe, aus dem Tod Jesu am Kreuz, schenkt er das neue Leben. In der Osternacht singen wir von der „glücklichen Schuld“. Nur im Rückblick kann man das: Vielleicht haben Sie selbst es schon einmal in der Beziehung zu einem Menschen erlebt, was man sich in einem Bild klar machen kann: Wenn man ein zerrissenes Band zusammen knüpft, wird es kürzer. Die beiden Enden kommen einander näher. Die Frage ist nur: Bin ich bereit, mich zu versöhnen? Bin ich bereit, aus Fehlern zu lernen? Bin ich bereit, Ostern zuzulassen?

In österlicher Zuversicht grüßt Sie, gemeinsam mit den Mitarbeitern,

Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle