Gedanken zum Monat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,

vor kurzem hatte ich eine Beerdigungsfeier zu leiten. Die Frau, die gestorben war, ist 95 Jahre alt geworden; der Gatte war schon lange tot; ihr nächster Angehöriger der Großneffe. Als er zu mir kommt, um mir von seiner Tante zu erzählen, spüre ich, dass eine Beziehung zwischen den beiden gewachsen ist – über den Abstand der vielen Jahre hinweg – und dass er die Tante bis in ihre letzten Tage in der Klinik begleitet hat. Auf dem Friedhof sehe ich mehrere junge Leute: Nachbarn im Mietshaus. Ich staune. Sie erzählen mir, wie sie der alten Dame in den Lasten des Alters geholfen haben, eine beim Einkauf, ein anderer beim Schriftverkehr, eine Schneiderin, wenn die Kleider nicht mehr recht passten… Und alle sprechen davon, wie viel ihnen die alte Frau aus dem Haus bedeutete, wie sie zuhören konnte und ihnen manches fürs Leben mitgegeben hat. „So eine fröhliche Ausstrahlung, nie geklagt, ihr Wort, mit dem sie tröstete: Alles hat seinen Sinn.“ Beim Abschied fließen Tränen.

Die jungen Leute erzählten mir, dass die alte Dame, solange sie konnte, jeden Tag ihre Runde drehte, in die Läden ging, grüßte und – wie sie sagte – nachsah, ob alle noch da sind. Der Tod ihres Mann war für sie ein tiefer Einschnitt, aber auch eine Entscheidung: Entweder verkrieche ich mich in meine Einsamkeit, oder ich gehe auf Menschen zu. Und dann wird es ein Geben und Nehmen; ich habe noch etwas zu geben.

„Mit DIR zum WIR“ lautet das Wort auf diesem Pfarrbriefmantel, das das Bonifatiuswerk für den Diasporasonntag gewählt hat. Im 3. Jahr der Pandemie spüren wir, dass viele sich zurückgezogen haben. Vorher kamen sie regelmäßig, sie fehlen uns. Die Gründe werden verschieden sein. „Ich muss mich schützen, nach der Pandemie kommen wir wieder“, habe ich im Frühjahr 2020 öfters gehört.

„Mit DIR zum WIR“ – wer ist mit „DIR“ gemeint? Sagen wir es ganz konkret: Du, lieber Leser, bist gemeint, Sie, liebe Leserin, sind angesprochen. Wir brauchen dich/Sie! Frage nicht: Was kriege ich da? Sondern: Was bringe ich mit? Was hat mir Gott geschenkt und nicht nur für mich bestimmt? Wir brauchen Ihre Gaben, Ihren Glauben, Ihr Gebet, Ihre Zeit, Ihre Ideen und Begabungen. So geschieht Kirche. Das Aha-Erlebnis: Ich empfange am Ende mehr, als ich gebe, ich werde getragen. So, wie die alte Dame am Ende ihres Lebens junge Freunde besaß, die sie ins Herz geschlossen hatten.

Martin Bubers Satz „Das ICH wird am DU“ haben Sie schon oft gehört. Es ist die Wahrheit: Ohne das korrigierende, mich aufrichtende DU, ohne das uns tragende WIR würde ich verkümmern. Welche Chance für unsere Gemeinschaft Kirche! Aber es gelingt nur, wenn jedes ICH sich bewegt.

Dazu ruft uns Gott. So können wir den Satz auch an ihn richten: „Mit DIR zum WIR.“ Überwinde die Grenzen, hinter denen wir uns verstecken, bewege uns hin zum WIR!

Gemeinsam mit den Mitarbeitern grüßt Sie

Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle